Das Sparbuch meiner Mutter hatte ein riesiges Loch
Meine Mutter meinte, es sei sicher. Was die Inflation damit gemacht hat, schockiert mich noch heute.
Das Sparbuch meiner Mutter
Ich weiß noch genau, wie das aussah.
Ein kleines blaues Heft. Vorne der Name in Handschrift, hinten die Einträge in dünner Tinte. Meine Mutter hat es in die Schublade gelegt und gesagt: Das ist für dich. Für später. Ich fand das als Kind unendlich beruhigend. Als hätte jemand einen unsichtbaren Schutzwall um meine Zukunft gezogen.
Was ich damals nicht wusste – und was mir erst viel später klar wurde: Dieser Schutzwall hatte ein riesiges Loch.
Inflation.
Lautlos, unsichtbar, unaufhaltsam – frisst sie Kaufkraft. Nicht dramatisch und auf einen Schlag, sondern Tag für Tag, Jahr für Jahr. Das Sparbuch wächst nominal. Real schrumpft es.
Und genau das passiert gerade auch deinem Kind – wenn du heute noch auf das Vertraute setzt.
Das Gefühl, das uns aufhält
Ich verstehe das Zögern. Wirklich.
Die Börse klingt nach Risiko. Nach Zocken. Nach Männern in grauen Anzügen, die auf rote Zahlen starren. Das ist das Bild, das wir mitbekommen haben – von unseren Eltern, von der Gesellschaft, vom Schweigen rund ums Geld am Familientisch.
Und dann ist da dieser Satz, der sich in den Kopf eingenistet hat:
Was, wenn ich alles falsch mache?
Dieser Satz ist es, der uns teuer zu stehen kommt. Nicht die Börse.
Die Zahl, die alles verändert hat
Ich sitze mit einer Kundin zusammen. Zwei Kinder, Mitte dreißig, solides Haushaltseinkommen. Sie spart brav. Tagesgeld fürs Große, Bausparer fürs Kleine.
Ich zeige ihr eine Rechnung.
Wer von der Geburt bis zum 18. Geburtstag monatlich 50 Euro in einen weltweit gestreuten ETF investiert – bei einer angenommenen Rendite von 7 Prozent im Jahr – kommt mit 18 auf rund 21.500 Euro. Eingezahlt wurden 10.800 Euro. Das Geld hat sich fast verdoppelt. Ohne dass irgendjemand auch nur einen Finger gerührt hat.
Auf dem Sparbuch mit 0,5 Prozent? Rund 11.300 Euro. Nominell. Real – also nach Inflation – sogar weniger als eingezahlt.
Sie schaut mich an. Lange. Dann sagt sie: Warum hat mir das nie jemand gezeigt?
Diese Frage begleitet mich seit mehr als 30 Jahren in meinem Job.
Was Kinder haben, das wir längst nicht mehr in diesem Maße besitzen
Kinder haben etwas Unschätzbares: Zeit.
Und Zeit ist an der Kapitalmarkt das mächtigste Werkzeug überhaupt. Nicht Mut. Nicht Kapital. Zeit.
Ein Junior-Depot – ein Wertpapierdepot, das auf den Namen des Kindes läuft und von den Eltern verwaltet wird – ist kein Spekulationsobjekt. Es ist ein Erntehelfer. Kurseinbrüche werden ausgesessen. Krisen werden überholt. Weil 18 Jahre lang Zeit ist, die alles glattbügelt.
Aber das eigentlich Aufregende beginnt erst danach.
Was passiert, wenn dein Kind mit 18 das Depot nicht auflöst – sondern einfach weiter laufen lässt?
Dann arbeitet der Zinseszins noch 40, 45, 47 Jahre weiter. Ohne dass jemand einen einzigen Cent nachschießt. Aus diesen 21.500 Euro werden bis zum Rentenalter mit 65 über 517.000 Euro. Vollständig passiv. Einfach liegen lassen.
Zahlt dein Kind ab 18 zusätzlich nur 25 Euro im Monat weiter ein – ein Betrag, den die meisten kaum spüren – landen wir bei rund 627.000 Euro bis zur Rente.
Sechshundertsiebenundzwanzigtausend Euro. Für 25 Euro im Monat und eine kluge Entscheidung mit 18.
Das ist keine Utopie. Das ist Mathematik.
(Alle Berechnungen mit 7 % p.a. Modellrendite – historisch realistischer Richtwert für breit gestreute ETFs über lange Zeiträume, keine Garantie.)
Warum wir es trotzdem nicht tun
Und hier liegt der Knoten.
Wir wissen tief in uns, dass wir uns kümmern sollten. Aber dann kommt der Alltag. Dann kommt die Unsicherheit. Dann kommen die Fragen, auf die wir keine Antwort haben – und die Scham, sie zu stellen.
Welchen ETF nehme ich? Was, wenn ich etwas falsch mache? Und überhaupt – gehört das Geld dann wirklich dem Kind?
Ja. Es gehört dem Kind. Rechtlich. Das Junior-Depot läuft auf den Namen des Kindes. Eltern verwalten es bis zur Volljährigkeit, aber das Geld ist Sondervermögen – bei einem Brokerausfall geschützt, nicht angreifbar.
Mit 18 kann das Kind frei darüber verfügen.
Genau deshalb ist das, was du heute tust, mehr als ein Sparplan. Du legst den Grundstein dafür, dass dein Kind mit 18 eine Entscheidung treffen kann – und zwar eine kluge. Dass es versteht: Das hier ist kein Geschenk zum Verprassen. Das ist ein Fundament.
Und ja – Großeltern können sich beteiligen. Das sinnvollste Tauf- oder Weihnachtsgeschenk, das es gibt. Es hält länger als jedes Spielzeug.
Das Erbe, das wirklich zählt
Wenn ich die Frauen in meinem Kurs anschaue, dann wird eines klar: Die meisten hatten niemanden, der ihnen das gezeigt hat. Keine Mutter, die über ETFs gesprochen hat. Kein Vater, der das Depot auf den Küchentisch gelegt hat. Geld war ein Tabu – oder ein Thema für die Männer.
Du kannst das ändern. Für dein Kind.
Nicht mit einem perfekten Plan. Nicht mit viel Geld. Sondern damit, dass du anfängst. Dass du fragst. Dass du lernst – und weitergibst.
Und hier ist ein ehrlicher Profi-Tipp: Fang mit dem Junior-Depot als deinem persönlichen Übungsfeld an. Weil es um überschaubare Beträge geht, kannst du in aller Ruhe beobachten, wie sich ein ETF entwickelt. Du siehst: Es passiert nichts Schlimmes. Das Vertrauen wächst – Monat für Monat. Irgendwann merkst du, dass du diese Sicherheit auch für deine eigene Altersvorsorge längst hast.
Das Depot für dein Kind ist oft der erste Schritt in die eigene Finanzfreiheit.
Was denkst du?
Hattest du als Kind ein Sparbuch? Und wie ist dein Gefühl heute, wenn du daran denkst?



Ich hatte nie ein Sparbuch, doch seit dem ich 23 bin TradeRepublic und einen ETF Sparplan. Doch wenn ich sehe, wie es meiner Mutter geht, fühle ich deinen Artikel noch mehr. Kein Sparbuch, kein ETF Sparplan und jetzt? Wahrscheinlich Altersarmut. Wir sparen nun trotzdem, da jedes Jahr mit Prozenten hilft.
Ich habe für meine Tochter auch ein Depot mit einem breiten ETF seit ihrer Geburt vor 2 Jahren. Meine Eltern meinten damals ich sollte das nicht machen, weil sie dann ggf. später kein Bafög bekommt. Sie hat ja dann theoretisch schon ein größeres Vermögen, je nachdem. Aber ich wollte meine Entscheidung davon nicht abhängig machen. Im besten Fall, finanziert sie ein mögliches Studium, oder was auch immer, dann mit ihrem Depot. Oder bis zur Rente liegen lassen - das waren spannenden Zahlen :)