Nur 2% des Geldes, 100% der Ideen – warum Gründerinnen andere Wege gehen
Stell dir vor, du hast eine brillante Geschäftsidee. Du hast monatelang daran gefeilt, einen Businessplan geschrieben, erste Kunden gewonnen.
Jetzt brauchst du Kapital zum Wachsen. Du gehst zu Investoren. Du pitchst. Und dann passiert… nichts. Oder fast nichts.
Während dein männlicher Mitgründer mit einer ähnlichen Idee Zusagen bekommt, stehst du da mit leeren Händen. Das ist keine Paranoia. Das sind die Zahlen. Und die sind brutal.
Die Zahlen lügen nicht
2024 wurden in der DACH-Region 10,09 Milliarden Euro in Startups investiert. Klingt nach viel Geld, oder?
Doch wenn du eine Gründerin bist, die ohne männliche Co-Founder arbeitet, sieht die Realität anders aus: Nur 2 % dieses Geldes ging an reine Frauenteams.
In Österreich war es noch drastischer: 0,1 % der gesamten Finanzierung. Das sind 0,7 Millionen Euro. Für ein ganzes Jahr. Für ein ganzes Land.
Europa insgesamt? Gründerinnen erhielten 5,76 Milliarden Euro – das sind 12 % aller VC-Investitionen. Klingt nach Fortschritt? Es ist ein Rückgang von 12 % im Vergleich zu 2023.
Weltweit sieht es nicht besser aus: Von 289 Milliarden Dollar globaler VC-Finanzierung gingen nur 2,3 % an reine Frauenteams.
Gemischte Teams sind die Lösung, oder?
Interessant wird es bei gemischten Teams. In der DACH-Region verdoppelte sich deren Anteil fast auf 22,8 %.
Österreichs drittgrößte Finanzierungsrunde 2024 – 63 Millionen Euro für Prewave – ging an ein gemischtes Team.
Das zeigt: Diverse Teams können Erfolg haben. Doch es wirft auch eine unbequeme Frage auf:
Brauchen Frauen einen Mann im Team, um an Geld zu kommen?
Die Zahlen legen das nahe.
Reine Männerteams bekommen im Durchschnitt 11,7 Millionen Dollar pro Deal. Reine Frauenteams? 5,2 Millionen Dollar. Nicht mal die Hälfte.
Was im Pitch-Raum wirklich passiert
Hinter diesen Zahlen stecken Erfahrungen, die Gründerinnen täglich machen.
Die Forschung zeigt:
Frauen werden 2,3-mal häufiger Fragen zu Risiken gestellt. Männer bekommen Fragen zu Chancen und Wachstumspotenzial.
Frauen werden 4,7-mal häufiger während ihrer Präsentation unterbrochen.
Frauen werden 2,1-mal häufiger nach persönlichen Verpflichtungen und Familienplänen gefragt.
Frauen brauchen im Durchschnitt 7,4 Monate zum Fundraising. Männer? 5,2 Monate.
Und die Sprache in den Investment-Memos?
Männliche Gründer werden als “visionär”, “ambitioniert” und “selbstbewusst” beschrieben.
Frauen als “vorsichtig”, “unerfahren” und “emotional”.
Wenn das System nicht mitspielt: Andere Wege gehen
Hier wird es interessant. Denn viele Gründerinnen haben für sich eine Entscheidung getroffen: Sie warten nicht darauf, dass das System sich ändert. Sie gehen andere Wege.
Bootstrapping – aus Notwendigkeit wird Strategie.
Erfolgsgeschichten aus der DACH-Region
Auch in der DACH-Region zeigen Gründerinnen, dass es andere Wege gibt. Prewave – das Mixed-Gender-Team aus Österreich – sammelte 63 Millionen Euro ein, die drittgrößte Runde des Landes.
In Deutschland holte The Exploration Company, ein SpaceX-Konkurrent, 150 Millionen Euro.
WorldRemit aus UK sicherte sich 242 Millionen Euro.
Die verborgenen Kosten der Ungleichheit
Hier ist, was kaum jemand ausspricht: Diese Finanzierungslücke kostet uns alle.
Das European Institute for Gender Equality rechnet vor:
Würden Frauen im gleichen Tempo gründen (können) wie Männer, könnte Europas BIP bis 2050 um 3,15 Billionen Euro wachsen. Ein Plus von 9,6 %.
Das ist keine Gerechtigkeitsfrage. Das ist verschwendetes ökonomisches Potenzial.
Was sich ändern muss – und was schon passiert
Es tut sich etwas.
Goldman Sachs hat 1 Milliarde Dollar für frauengeführte Unternehmen zugesagt. BNP Paribas 4 Milliarden Euro für Europa.
47 % der institutionellen Investoren fragen inzwischen nach Diversity-Kennzahlen.
Frankreichs BPI-Quote-System verlangt, dass VC-Fonds mit öffentlicher Ko-Finanzierung 30 % in Gründerinnen investieren. Ergebnis: 35 % mehr Finanzierung für Gründerinnen.
Und: Frauen-fokussierte Angel-Netzwerke haben über 500 Gründerinnen finanziert.
Crowdfunding-Plattformen zeigen, dass Frauen Männer um 32 % übertreffen.
Die Frage, die bleibt
Warum erzähle ich dir das alles? Weil diese Zahlen nicht abstrakt sind. Sie betreffen echte Frauen mit echten Ideen, die die Welt verändern könnten – wenn sie die Chance bekommen.
Und weil es zeigt: Wenn das System nicht funktioniert, schaffen sich Gründerinnen ihre eigenen Wege.
Sie bootstrappen.
Sie nutzen Crowdfunding.
Sie bauen Netzwerke.
Sie wachsen langsamer, aber dafür auf eigenen Füßen.
Die Frage ist: Wie lange müssen sie das noch tun? Wie viele brillante Ideen gehen verloren, weil das Kapital an ihnen vorbeigeht?
Wenn du eine Gründerin kennst, eine Idee hast oder selbst gründen willst – welchen Weg würdest du wählen?
Herzlichst,
Alexandra



Wir sind bei [un]sichtbar, einer Initiative für Menschen mit chronischen Erkrankungen auch ein reines Frauenteam und überlegen gerade, genau aus den von dir beschriebenen Gründen, ob wir einen Quotenmann brauchen. Aber auch, weil wir gerne jemanden haben möchten der Überblick, Finanzen, Rechtliches und Verantwortung trägt. Wir sind zu dritt und keine von uns will CEO sein. Statt sich jetzt eine vierte Frau ins Boot zu holen, könnte ein Mann Sinn machen, und wenn's nur für die Investoren ist.
Strategisch gedacht, ist das definitiv eine gute Idee sich da einen Mann mit an Bord zu holen. Ob ich ihm allerdings die Finanzen in die Hand geben würde, das würde ich mir überlegen. Denn denn das ist bei Frauen definitiv genauso gut, wenn nicht besser aufgehoben.