Rentenlücke berechnen: Warum die Zahl im Brief fast immer zu niedrig ist
Was die Renteninformation nicht mitrechnet, macht den Unterschied.
Vor einiger Zeit saß eine Frau in meinem Kurs, die ich nicht vergessen habe. Mitte fünfzig, gut ausgebildet, seit Jahren in Teilzeit, weil die Kinder klein waren, als sie damit anfing. Ihr Mann verdiente gut, es gab ein Haus, Urlaube, kein Drama im klassischen Sinn.
Dann kam die Trennung.
Und mit ihr eine Renteninformation, auf der eine monatliche Rente von knapp 600 Euro stand. Keine Ausnahme, keine Übertreibung. Eine von vielen Frauen, die genau diese Zahl schon lange in der Schublade liegen hatten, ohne sie je wirklich angeschaut zu haben.
Der Brief, der einmal im Jahr kommt
Einmal jährlich verschickt die Deutsche Rentenversicherung einen Brief. Darauf steht eine Zahl. Viele Frauen lesen sie kurz, atmen durch und legen den Brief zur Seite, bis er im nächsten Jahr wieder auftaucht.
Genau an diesem Punkt trennen sich die Wege: Die einen legen den Brief weg. Die anderen fragen sich zum ersten Mal, was diese Zahl eigentlich bedeutet.
Was die Zahl verschweigt
Die Renteninformation zeigt eine Momentaufnahme. Sie geht davon aus, dass du ab sofort bis zur Rente exakt so weiterarbeitest wie bisher, ohne weitere Teilzeitphasen, ohne Lücken, ohne Krankheit, ohne Pflege von Angehörigen.
Und sie rechnet ohne Inflation. Was heute 600 Euro wert sind, ist in fünfundzwanzig Jahren bei einer moderaten Teuerung von zwei Prozent nur noch rund 360 Euro wert. Die tatsächliche Lücke liegt damit fast vierzig Prozent über der Zahl, die auf dem Papier steht.
Die Teilzeitfalle mit Ansage
Stell dir eine 40-Jährige vor, zwei Kinder, seit Jahren in Teilzeit, weil der Alltag es kaum anders zulässt. Sie plant, irgendwann wieder mehr zu arbeiten. Irgendwann.
In dieser Zeit sammelt sie kaum Rentenpunkte, während die Inflation still an der Kaufkraft ihrer künftigen Ansprüche nagt. Und das Modell, auf das sie sich gedanklich verlässt, die Partnerschaft, ersetzt keine eigene Altersvorsorge.
Vierzig Prozent, die niemand einrechnet
Genau an diesem Punkt erschrecken viele Frauen zum ersten Mal wirklich. Es ist der Moment, in dem klar wird, dass die insgeheim kalkulierte Zahl in Wahrheit deutlich kleiner ausfällt als gedacht.
Die Frau aus meinem Kurs hatte diese Rechnung nie gemacht. Ihr fehlten nicht die Zahlen. Ihr fehlte die Information, wo sie überhaupt suchen muss.
Eine Kennzahl, kein Urteil
Geld ist für viele Frauen emotional besetzt. Es hängt an Fragen wie: Habe ich genug geleistet? Hätte ich früher anfangen müssen? Bin ich selbst schuld?
Diese Fragen sind menschlich, aber sie führen nirgendwohin. Eine Rentenlücke sagt nichts über deinen Wert als Mensch oder als Mutter aus. Sie ist eine betriebswirtschaftliche Kennzahl, ähnlich einem Fehlbetrag in einer Bilanz – und Fehlbeträge behebt man mit einem Plan, nicht mit Schuldgefühlen.
Drei Dinge machen dabei den größten Unterschied.
Das eine ist unbequem, aber nötig: die eigene Renteninformation anfordern, die künftigen Fixkosten ehrlich schätzen und die Differenz als das nehmen, was sie ist, eine konkrete Lücke.
Das zweite wirkt am stärksten: eigenständig vorsorgen, auf den eigenen Namen, denn jeder Euro, der heute in einen breit gestreuten ETF fließt, arbeitet durch den Zinseszinseffekt gegen die spätere Lücke.
Das dritte gerät am schnellsten in Vergessenheit: die rechtliche Seite, denn wer in einer Partnerschaft gemeinsam Vermögen aufbaut, sollte wissen, was im Trennungsfall passiert.
Und jetzt?
Die Frau aus meinem Kurs hat irgendwann angefangen, ihre Zahlen anzuschauen. Zu spät für die Jahre, die vorbei waren, doch richtig für die, die noch kommen.
Wie sieht es bei dir aus? Hast du deine Renteninformation in diesem Jahr schon geöffnet, oder liegt sie noch ungelesen irgendwo?


