Rendite oder Gewissen? Warum du bei nachhaltigen ETFs nicht wählen musst
Dein Geld ist kein neutrales Ding
Ich erinnere mich noch genau an das Gespräch mit einer Teilnehmerin aus meinem Kurs.
Sie hatte sich monatelang mit dem Thema Investieren beschäftigt, alles gelesen, alles verstanden – und trotzdem nicht angefangen.
Der Grund? Sie wollte nicht, dass ihr Geld in Waffenhersteller oder Konzerne fließt, die mit Kinderarbeit arbeiten. Und sie hatte das Gefühl: Wenn ich Rendite will, muss ich da wohl durch.
Das stimmt nicht. Und dieses Missverständnis kostet Frauen bares Geld und wertvolle Zeit.
Nachhaltiges Investieren ist kein Kompromiss zwischen Gewinn und Gewissen. Es ist eine echte Alternative – und in vielen Fällen sogar die klügere.
„Aber ist das nicht alles nur Greenwashing?”
Ja, die Frage ist berechtigt. Und ich stelle sie mir selbst auch, wenn ich mir manche Finanzprodukte anschaue.
Der Begriff „nachhaltig” ist im Finanzmarkt leider nicht geschützt. Das heißt: Jeder darf ihn drauf schreiben. Was tatsächlich drin ist, steht oft im Kleingedruckten – oder gar nicht.
Deswegen schauen wir in der Frauenfinanzschule genau hin. Es gibt zwei grundsätzliche Ansätze, die du kennen solltest:
Ausschlusskriterien bedeuten: bestimmte Branchen kommen einfach nicht rein. Rüstung, Tabak, Glücksspiel, fossile Energien – weg. Das ist der einfachste Filter, und er ist für viele Frauen der wichtigste.
Positivkriterien (Best-in-Class) gehen einen Schritt weiter: Wir suchen aktiv nach Unternehmen, die in ihrer Branche Vorreiter sind – bei Klimaschutz, Arbeitsbedingungen, Gleichstellung.
Weder der eine noch der andere Ansatz ist perfekt. Aber beide sind besser als hinschauen und nichts tun. Und die EU-Regulierung (Stichwort: Offenlegungsverordnung) macht es Banken und Fonds zunehmend schwerer, einfach ein grünes Etikett draufzukleben, ohne es zu belegen.
Kostet mich mein Gewissen Geld?
Kurze Antwort: Nein. Zumindest nicht zwingend.
Ich weiß, das klingt erstmal zu schön. Aber schau dir die Daten der letzten Jahre an: Nachhaltige ETFs – zum Beispiel Varianten des MSCI World mit ESG-Filter – haben oft vergleichbar oder sogar besser abgeschnitten als ihre konventionellen Pendants.
Warum? Weil Unternehmen, die auf Nachhaltigkeit setzen, in aller Regel auch besser geführt werden. Sie denken langfristig. Sie haben weniger Skandale. Sie sind vorbereitet auf Klimaregulierungen, die kommen werden – ob wir wollen oder nicht.
Aus meiner Rechnungswesen-Perspektive gesagt: Nachhaltigkeit ist Risikomanagement. Wer ökologische und soziale Risiken heute ernst nimmt, hat morgen weniger teure Überraschungen im Depot.
Die Gebühren? Die nachhaltigen Varianten der großen Indizes kosten heute kaum mehr als die Standard-Produkte. Das war früher anders. Heute ist das Argument „zu teuer” einfach nicht mehr haltbar.
Warum das ein weibliches Thema ist – ob wir wollen oder nicht
Frauen leben länger. Frauen haben im Schnitt niedrigere Renten. Und Frauen tragen die Folgen von Klimakrise und sozialer Ungerechtigkeit überproportional.
Das klingt erstmal deprimierend. Ist es aber nicht, wenn man es von der anderen Seite betrachtet:
Frauen haben einen riesigen Hebel. Wenn wir anfangen, unser Geld gezielt in Unternehmen zu lenken, die soziale Gerechtigkeit, Gleichstellung und Umweltschutz leben – dann müssen die Märkte reagieren.
Kapital ist eine Stimme. Und je mehr Frauen diese Stimme nutzen, desto lauter wird sie.
Deine Alexandra Graßler – Für eine Finanzwelt, die uns allen gut tut.
FAQ: Häufige Fragen zum nachhaltigen Investieren
Was bedeutet ESG beim Investieren?
ESG steht für Environment, Social und Governance – also Umwelt, Soziales und Unternehmensführung. Diese drei Kriterien werden genutzt, um zu bewerten, wie nachhaltig und verantwortungsvoll ein Unternehmen handelt.
Ein hoher ESG-Score bedeutet: Das Unternehmen denkt langfristig, behandelt seine Mitarbeiterinnen fair und wirtschaftet umweltbewusst.
Sind nachhaltige ETFs wirklich besser für die Umwelt?
Sie sind ein Schritt in die richtige Richtung – aber kein Allheilmittel. Wenn du in einen nachhaltigen ETF investierst, kaufst du Anteile an Unternehmen, die nach bestimmten Kriterien ausgewählt wurden.
Du finanzierst damit keine neuen Projekte direkt, aber du sendest ein Signal an den Markt: Diese Unternehmen sind gefragt. Das beeinflusst Kapitalkosten, Bewertungen – und langfristig das Verhalten der Unternehmen.
Kann ich mit einem nachhaltigen ETF wirklich genauso viel verdienen wie mit einem normalen?
In vielen Fällen ja. Studien zeigen, dass ESG-gefilterte Indizes in den letzten Jahren nicht schlechter performt haben als ihre konventionellen Pendants – oft sogar besser.
Eine Garantie gibt es natürlich nie, weder bei nachhaltigen noch bei herkömmlichen Produkten.
Was ist der Unterschied zwischen Artikel-8- und Artikel-9-Fonds?
Das ist eine Klassifizierung aus der EU-Offenlegungsverordnung.
Artikel-8-Fonds berücksichtigen Nachhaltigkeitsaspekte in ihrer Anlagestrategie.
Artikel-9-Fonds haben ein explizites Nachhaltigkeitsziel – zum Beispiel die Reduktion von CO₂-Emissionen. Artikel 9 ist strenger, aber auch seltener.
Wie erkenne ich Greenwashing bei Fonds?
Schau dir den Fondsprospekt (das sogenannte KIID oder PRIIP-Dokument) an. Dort muss inzwischen klar stehen, welche Nachhaltigkeitskriterien angewendet werden.
Vage Aussagen wie „wir berücksichtigen Nachhaltigkeitsrisiken” sind ein Warnsignal. Konkrete Ausschlusslisten und messbare Ziele sind ein gutes Zeichen. Im Kurs üben wir genau das – Fondsdokumente lesen, ohne Kopfschmerzen zu bekommen.
Gibt es nachhaltige ETFs, die gezielt in Frauenrechte investieren?
Ja, es gibt sogenannte Gender-Diversity-Indizes. Die schauen sich an, wie viele Frauen in Führungspositionen sitzen, ob es Lohngleichheit gibt und wie die Unternehmenskultur in Bezug auf Gleichstellung aussieht. Diese Filter kannst du gezielt nutzen, wenn dir das Thema besonders wichtig ist.
Muss ich für nachhaltige ETFs mehr Gebühren zahlen?
Früher ja, heute kaum noch. Die Kostenquoten (TER) nachhaltiger Varianten bekannter Indizes wie dem MSCI World SRI liegen inzwischen auf ähnlichem Niveau wie die der Standard-Produkte – oft unter 0,25 % pro Jahr.



Danke Alexandra 💕
Vielen Dank für deinen Beitrag! Dein Ziel, Finanzbildung speziell für Frauen zugänglicher zu machen, finde ich sehr wichtig und unterstützenswert.
Gerade deshalb sehe ich die zentrale Botschaft kritisch. Zwar gehst du im Artikel auf Greenwashing, die fehlende Einheitlichkeit von ESG Kriterien sowie regulatorische Unterschiede ein, dennoch entsteht im Gesamtbild eine relativ klare positive Rahmung von nachhaltigen ETFs als eine Lösung für das Spannungsfeld zwischen Rendite und Gewissen.
Die Aussage, ESG oder nachhaltige ETFs seien „in vielen Fällen die klügere Wahl“, erscheint mir dabei zu stark. Historische Unterschiede in der Wertentwicklung lassen sich auch durch Branchen- oder Faktorallokationen erklären und sind kein belastbarer Beleg für einen strukturellen Vorteil.
Auch die Aussage, Nachhaltigkeit sei Risikomanagement und nachhaltig wirtschaftende Unternehmen seien besser geführt, erscheint mir zu pauschal. Es gibt zahlreiche Beispiele für Unternehmen mit hohen ESG-Bewertungen, die dennoch in Kontroversen verwickelt waren oder wirtschaftliche Probleme hatten.
Mein Hauptpunkt ist deshalb weniger ein inhaltlicher Widerspruch, sondern eine Frage der Einordnung. Denn gerade im Kontext von Finanzbildung und besonders, wenn sich das Angebot explizit an Frauen richtet, wäre aus meiner Sicht eine stärkere Betonung der verbleibenden Unsicherheiten hilfreich. Finanzielle Selbstbestimmung bedeutet für mich nicht, gut erklärte Labels zu übernehmen, sondern deren Grenzen zu verstehen und darauf basierend eigene Entscheidungen zu treffen.