Warum deine Tochter glaubt, Mathe und Zahlen sei nichts für sie
Erinnerst du dich noch an dein Geschichtsbuch aus der Schule? An die Biografien, die Helden, die Entdecker? Ich schon.
Und wenn ich heute daran zurückdenke, fällt mir auf: Es waren fast ausschließlich Männer. Männer, die Geschichte schrieben.
Männer, die forschten, entdeckten, regierten. Frauen? Die tauchten höchstens am Rand auf — als Ehefrauen, Mütter, vielleicht mal als Ausnahmeerscheinung.
Damals habe ich mir nichts dabei gedacht. Es war einfach normal.
Der Moment, in dem mir die Augen aufgingen
Aber dann, Jahre später, schlug ich ein Schulbuch meiner Nichte auf. Geographie, neueste Auflage. Und weißt du was? Es hat sich kaum etwas verändert.
Die Texte in den Prüfungsfächern? Immer noch überwiegend von männlichen Autoren.
Die Beispiele in Wirtschaftskunde? Männer, die verdienen, produzieren, investieren. Frauen dagegen? putzend, kochend, versorgend — im Passiv, wohlgemerkt, als wäre das etwas, das einfach so passiert.
In diesem Moment wurde mir klar: Hier beginnt das Gender Pay Gap. Nicht erst am Arbeitsmarkt. Sondern viel früher, in unseren Klassenzimmern.
Was Schulbücher unseren Kindern wirklich beibringen
Die Forschung bestätigt, was ich instinktiv gespürt habe:
Es gibt eine massive Unterrepräsentation weiblicher Perspektiven und Leistungen in Schulbüchern. Männer werden als die Norm dargestellt, an die sich Frauen anpassen müssen.
Frauen erscheinen im Kontext von Hausarbeit, Kindern und Erziehung. Männer dagegen im Kontext von Wirtschaft, Arbeitswelt und Führung.
Diese Muster ziehen sich durch bis zur Universität. Auch dort: weniger Autorinnen, weniger weibliche Protagonistinnen, weniger Identifikationsmöglichkeiten für Studentinnen.
Die unterschwellige Botschaft? Dass Frauen und ihre Erfahrungen weniger studierenswert, von geringerer Bedeutung sind als die von Männern.
Wie stereotype Bilder Lebenswege prägen
Was macht das mit unseren Töchtern?
Durch diese ständige Stereotypen-Berieselung entwickeln Mädchen schon früh eine Aversion gegen Fächer, die analytisches Denken oder technische Affinität erfordern.
Jungen dagegen? Die bleiben bei diesen Eigenschaften neutral, unbefangen.
Und es wird noch konkreter: Bereits mit 18 Jahren zeigen weibliche Studierende eine signifikante Präferenz für Studienfächer, die auf Jobs mit Teilzeitmöglichkeiten vorbereiten.
Männer? Völlig neutral bei diesem Thema.
Als hätten wir unseren Mädchen bereits eingeimpft, dass sie später Beruf und Familie werden vereinbaren müssen — während unsere Jungs einfach nur an Karriere denken.
Die unsichtbare Mauer im Bildungssystem
Das Ergebnis? Eine anhaltende Geschlechtertrennung in Studienfächern. Weniger Frauen in MINT, in Technik, in Führungspositionen.
Und am Ende dieser Kette: der Gender Pay Gap.
Denn diese vorgeprägte Wahl von Studien- und Berufsfeldern führt Frauen systematisch in schlechter bezahlte Berufe. Das schränkt die Vermögensgenerierung von vornherein ein.
Was mich dabei so frustriert?
Das Bildungssystem arbeitet aktiv gegen Veränderungen. Prüfungsstellen zementieren aus kommerziellem Risiko und mangelnder Regulierung ein weiß-männlich dominiertes Curriculum.
Es gibt keine zentrale Stelle, die Gleichstellung in Lehrplan-Inhalten überwacht. Keine Anforderung, bestehende Lücken offenzulegen. Null Transparenz in den Entscheidungsprozessen.
Was diese Unsichtbarkeit wirklich kostet
Und die Konsequenzen gehen weit über das Gender Pay Gap hinaus.
Diese in Schulen vermittelte Botschaft, dass Frauen zweitrangig sind, trägt zur Verbreitung von Frauenfeindlichkeit und Sexismus in der ganzen Gesellschaft bei. Sie spiegelt — und verstärkt — die Gewalt gegen Frauen, die wir überall sehen.
Das ist der Moment, in dem mir klar wurde: Hier geht es nicht nur um Schulbücher. Es geht um die Fundamente unserer Gesellschaft.
Was wir jetzt anders machen können
Es braucht grundlegende Diversity-Quoten. Prüfungsstellen müssen verpflichtet werden, Lehrpläne mit 50:50-Quoten bei männlichen und weiblichen Autoren zu erstellen — durchgängig, durch alle Schulformen und Schulfächer.
Aber wir können auch in unserer eigenen kleinen Welt anfangen:
Mach deiner Tochter immer wieder klar, dass MINT-Fächer und technische Berufe kreative, soziale und assoziative Denkfähigkeiten erfordern. Dass sie dort genau richtig ist, mit all ihren Stärken.
Und deinem Sohn? Zeig ihm, dass stereotyp weibliche Berufe genauso für Männer geeignet sind. Dass er dafür ebenfalls die richtigen Qualitäten mitbringt.



Für uns beginnt dieses Jahr die Schulpflicht und mir graut davor, auch wegen all dieser Themen, die du beschreibst. Es geht mit dem Zementieren der sozialen Rollen natürlich schon viel früher los als in der Schule. Viele Kinderbücher sind so dermaßen klischeebehaftet, dass ich ganz viel anders vorgelesen habe oder gleich großzügig aussortiert. Aber die Schule gehört auch meiner Meinung nach dringend angepasst. Es ist nun wirklich nicht so, als gäbe es nicht genug spannende Literatur, die von Frauen geschrieben wurde, die man im Unterricht lesen könnte. Oder als gäbe es zu wenig Forscherinnen oder Politikerinnen. Von denen erfuhr ich hauptsächlich durch Eigeninteresse. Wahrscheinlich muss ich auch bei meiner Tochter einen parallelen Lehrplan in Eigenregie aufstellen und ich bereite mich innerlich schon auf einige Gespräche mit den Lehrkräften (fast ausschließlich weiblich..) vor.
Eine verpflichtende 50:50-Quote für Autoren in Lehrplänen setzt das falsche Signal. In der Schule sollte nicht das Geschlecht entscheiden, sondern Qualität, Relevanz und didaktische Eignung.
Lehrpläne haben den Auftrag, Wissen und kulturelle Entwicklung abzubilden – nicht historische Ungleichgewichte rechnerisch zu korrigieren. Eine starre Quote verschiebt das Auswahlkriterium von fachlicher Bedeutung hin zu einem biologischen Merkmal.
Natürlich ist es richtig, vergessene oder unterrepräsentierte Stimmen stärker zu berücksichtigen. Aber das darf nicht zulasten des Leistungsprinzips geschehen. Vielfalt entsteht durch Offenheit für Qualität – nicht durch mathematische Vorgaben.
Qualifikation muss das Leitkriterium bleiben.